übertage

                          texte

                     aus dem off 

I struggle in the dark with the enormity of my soul,

trying desperately to be a great rememberer

redeeming life from darkness.

(Jack Kerouac)

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übertage bringt Texte, die mir helfen, aufmerksamer zu sein, etwas vom Tage, von der Nacht aufzubewahren, es dem Tageslicht, dem Kunstlicht auszusetzen und die chemische Reaktion zu beobachten. (Das Gute am Licht: es kann die Dinge entstellen, ihnen ihre Konturen nehmen, sie unkenntlich machen.) Ich greife etwas, weiß oft selbst nicht recht, was es ist, noch was es sein kann. Im Schreiben betrachte ich es, werde mir seiner Bedeutung bewusst oder lasse sie im Verborgenen. Immer fällt das Licht, zeigt etwas, lässt anderes verschwinden. Anlass für einen Text kann Alles sein, eine Szene, die sich im Alltag ereignet, eine Begegnung, ein Bild, das ich betrachte. Ein Film, ein Wort, ein Blick, ein Traum.

In der Reihe Das Gedächtnis der Bilder widme ich mich, vermittelt über fotografische Bilder und bruchstückhafte Erinnerungen, der Geschichte meiner Familie, oder: meiner Rolle darin. Familie, so wie ich es erlebe, ist eine Geschichte des Verlusts; als Verlust aber kann ich sie nicht stehenlassen, ich muss mich besinnen auf die tausend dünnen Fäden, die meine familiäre Herkunft gesponnen hat und über die ich mit der Welt verbunden bin. Fotografien lassen mich momentlang die Gegenwart von Menschen erfahren, die lange gegangen sind.

Going back in time:

Vor vielen Jahren habe ich einen Roman von Jürgen Becker gelesen, Der fehlende Rest, erschienen 1997. 

Er handelt von einer langen Schneenacht, in der Jörn mit einem schattenhaften Gegenüber seine Erinnerungen teilt. „Vor den hellerleuchteten Fenstern des alten, abgelegenen Fachwerkhauses verschwindet langsam die Landschaft im Schnee“, so heißt es im Klappentext des Romans, den ich nun wieder einmal zur Hand nehme, „und Jörn kommt es plötzlich wie ein Wunder vor, daß kein Krieg ist und draußen der Streifendienst mit dem Ruf nach Verdunkelung auftaucht.“ Ich notiere diese Worte hier und habe wie schon so oft den Wunsch, wieder einzutauchen in diese Atmosphäre der Stille und der Konzentration, in der die Bilder der Vergangenheit aufsteigen, und die Worte, die gesprochenen und gedachten, nachklingen. Das Licht drinnen ist schwach, von draußen dringt Mondlicht herein, das von den schneebedeckten Feldern ringsum zurückgeworfen wird.

 

Warum fange ich genau hier an, mit der Erinnerung an die lang zurückliegende Lektüre eines Buches, was hab ich verloren in jener Schneenacht? – Was mich an dem Roman (ich war jung!) so sehr fasziniert hat und noch immer fasziniert, sind nicht so sehr Jörns Erinnerungserzählungen, sondern die Situation des Erzählens selbst, in der er sich auf ein Gegenüber bezieht, das selbst schattenhaft bleibt und doch das Erinnern und Erzählen durch seine Fragen auslöst und in Gang hält. Dieser reale oder imaginäre Gesprächspartner lässt sich ganz ein auf Jörns Worte und Bilder, folgt ihm nach und teilt mit ihm die Stille, die von draußen hereindringt, die Stille zwischen den Geschichten, den Zeilen.

 

Erinnerungen und Erfahrungen aufzuschreiben hilft mir, einen  Mittelpunkt zu finden. Einen, der nicht an feste Orte gebunden ist, der gleitet, von Moment zu Moment. Die Texte, die ich hier veröffentliche, fallen vielleicht aus der Zeit, ich weiß es nicht. Sie tun sich schwer damit, Aufmerksamkeit erregen zu wollen, drohen vielleicht allzu leicht unterzugehen in einer Welt voller Scheinwerfer, voller lautstarker Ankündigung, voller Selbstgewissheit.

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