• Britta

Inge

Es ist Abend, durch das Dachfenster der Küche fällt die Dunkelheit, hinter mir brennt das schwache Licht einer Lampe. Auf dem Tisch noch die Unordnung nach dem Abendessen. Von der Türschwelle aus sehe ich meine Mutter im Flur stehen, meinem Vater zugewandt. Sie sprechen leise, meine Mutter weint. Eben schien sie noch in Bewegung, nun steht sie reglos vor ihm und still. Einzelne Worte dringen zu mir herüber, mein Vater sagt: „Ich verstehe das.“ Und nach einer kurzen Pause: „Ich habe das auch durchgemacht.“ Etwas an diesen Worten oder der Situation muss mich irritiert haben, ich fiel aus meiner Rolle der stillen Beobachterin. Meine Frage drängte sich zwischen sie und diese mir ganz ungewohnte Nähe, die sie teilten. Erst jetzt wurden sie meiner gewahr, langsam und wie unter großer Anstrengung löste sich meine Mutter aus ihrer Starre. Ohne sich nach mir umzuwenden, aber mit gesenktem Kopf, wiederholte mein Vater: „Ich habe das auch durchgemacht. Damals.“ In die Stille hinein, und den Blick auf mich gerichtet, fragte mich meine Mutter: „Hast du das nicht gewusst? Du musst das doch gewusst haben.“ Verunsichert durch die Härte in ihrer Stimme, durch die Plötzlichkeit ihres Blickes, der mich traf, und in dem sie mir zugleich weit weg zu sein schien, empfand ich ihre Worte als einen Vorwurf, als einen unerwarteten Angriff, vor dem ich mich nicht rechtzeitig hatte in Sicherheit bringen können. Ich begriff nicht, was ich doch längst hätte begreifen müssen. Und wie kann man etwas wiedergutmachen, das man nicht versteht? „Du musst doch selbst schon darauf gekommen sein, dass ich nicht die Mutter deiner Brüder sein kann. Dass ich viel zu jung bin, um ihre Mutter zu sein.“


Betrachte ich die Fotografien meiner Familie, bin ich Zeuge dessen, wie sich die Zeiten kreuzen, wie sich ferne Ufer berühren. Ich verliere mich in der Frage, was uns veranlasst, Ereignisse fotografisch festzuhalten. Was uns veranlasst, uns auszurichten, Kinder und Alte, nach dem Blick der Kamera, wie sich die Pflanze, so sagt man, dem Licht zuwendet. Doch wir – doch die, die ich betrachte, sie sind ja im Licht. Im Licht des Zusammenseins, versammelt in einer Zeit, die sie einschließt und die mich ausschließt. In diese Zeit gebannt, in diesen Raum, werden sie durchsichtig. Sie bewahren etwas von sich auf, um es weiterzugeben, von Ufer zu Ufer. Ich sehe sie aus weißen Flächen heraustreten, im Weiß ihrer Kleider fängt sich das Licht, macht sie zu seiner Gestalt. Sie sind versammelt, ich studiere die Form, präge mir ihre Gesten ein, die Haltung ihrer Körper, suche nach Ausdruck in den Gesichtern.

Eines der Bilder zeigt die erste Frau meines Vaters im Garten seiner Eltern. Wie hinübergetragen steht sie dort, die kleine Gruppe meiner Großeltern und ihrer offenbar noch unvertrauten Schwiegertochter. Es ist ein Sommertag, Inge steht etwas abseits, als zolle sie ihnen mit ihren vorsichtigen Schritten Respekt, als bewundere sie etwas, für das niemand außer ihr Augen hat, die Schatten des Geästs auf ihrem nackten Arm. Mein Großvater steht da mit angewinkelten Armen, nur schwach erkenne ich die Umrisse der Hosenträger über seinem weißen Hemd. Er schirmt meine Großmutter, oder vielleicht sucht sie in diesem Moment einer unbestimmbaren Unruhe seine Nähe, tritt an ihn heran. Den Kopf geneigt, schaut sie an der Kamera vorbei, als beobachte sie etwas in einiger Entfernung am Boden, ihr Blick ist starr. Um sie herum blühen Bäume und Sträucher, am Bildrand verlieren sich die Konturen der vom Wind dieses Tages bewegten Blätter. Ich halte die Fotografie ins Licht, ein Glitzern geht über die Oberfläche wie über das von der Sonne beschienene Meer. Inge trägt ein kurzes Sommerkleid, sie schließt halb die Augen, wohl der Sonne wegen, sie verschränkt ihre Hände ineinander und lächelt. Es ist etwas wie ein geheimes Einverständnis in ihrem Blick. Mein Vater wird dieses Bild gemacht haben, oder jemand anderes, der ihr nahestand.

Als der Unfall passierte, waren meine Brüder vier und fünf Jahre alt. Zu jung, wie sich später herausstellt, um sich nach all den Jahren noch an die Mutter erinnern zu können. Wenn ich mir die Zeit unmittelbar nach ihrem Tod vorstelle, überkommt mich ein Gefühl von Schwindel. Ich denke an einen Erdrutsch, der das feste Land untergräbt und wegspült, der die ganze Familie mit sich fortreißt, sie ohne Besinnung und taub vor Kummer zurücklässt, ohne ihnen jemals Worte zu geben für das, was geschehen ist. Mit zitternden Händen stehen sie und wagen nicht, sich anzuschauen. In meinem Schwindel sehe ich vom Boden aus die Wipfel hoher Bäume über mir kreisen, von weit her bewegt sich ein großer Schatten auf mich zu. Er hat keine Gestalt, es ist die Traurigkeit meines Vaters, seine Verlorenheit inmitten von Menschen, die ihn anschauen.

Ich freue mich über sein helles Auflachen am Telefon, als ich neulich anrief. Sein Ausruf, mit einer seltenen und unverhohlenen Freude, ja mit Überschwang in den Worten: „Ha! Tochter!“ Und es war, als begegneten wir uns wieder nach langer Zeit. Wenn ich jetzt mit ihm spreche, eine unbegreifliche Gelassenheit in seiner Stimme, fällt es mir immer schwerer, den jungen Mann auf den alten Fotos wiederzuerkennen. Wie versteinert steht er, blickt er, ein Mann, der eben im Begriff ist, seine eigene Familie zu gründen. Ein Bild zeigt ihn am Weihnachtsabend, auf einem Tisch, links im Bild, ist ein kleiner Weihnachtsbaum platziert, sein Stamm und seine Spitze sind dünn, wie aus Draht, die Zweige verjüngen sich in perfekter Symmetrie nach oben hin. Sein Schwiegervater sitzt, er neigt den Kopf und lächelt, mein Vater aber steht, er hält eine Pfeife in der Hand und sein Kopf ragt in ein Landschaftsgemälde hinein, das die verschneiten Kuppen von Bergen in der Ferne zeigt und im Vordergrund einen See, der dicht von Tannen umstanden ist. Der linke Vordergrund zeigt eine Tanne, als hätte der Maler ihre Äste beiseiteschieben müssen, um zu seiner Aussicht zu gelangen. Allmählich erkenne ich in der dunklen Fläche ineinanderfließende Töne von Grün, schließlich glaube ich sogar die feinen Nadeln des Baums zu erkennen.

Ich stelle mir vor, wie meine Mutter wieder einen Schritt hinter meinen Bruder zurücktritt, nachdem sie für den Moment der Aufnahme ihren Arm um ihn gelegt hatte. Ich sehe das Lächeln aus ihrem Gesicht weichen, wie sich das Wasser vom Land zurückzieht, das es überspült hat. Ich sehe die Versammlung sich auflösen, sehe jeden von ihnen für einen Moment ratlos. Was mir von all der Zeit bleibt, ist das Staunen angesichts einer solchen Kraft der Entzweiung, angesichts eines Lebens in Sprachlosigkeit, angesichts eines Lebens, das jeden von uns allen anderen entfremdet.

Ich allein bin so früh schon wach. Ich schaue aus einem großen Fenster in den frühen, hellen Morgen. Von Ferne sehe ich eine Frau auf das Haus zueilen. Später sehe ich sie inmitten meiner Brüder auf dem Balkon stehen, in jedem Arm einen der Jungen, sie lacht. Ich sehe ihnen von drinnen zu, während ich mit den Fingern in die lockigen Haare der Puppe greife, die sie mir mitgebracht hat und die größer ist als ich selbst. Wenn ich nun das Foto meiner Brüder anschaue, auf dem sie, beide in kurzen Hosen, beide mit Hosenträgern über ihren weißen Hemden, auf der Wiese am Ufer eines Sees stehen und aufmerksam die Vogelfeder betrachten, die einer von beiden in seinen Händen hält, denke ich an diesen Tag, an dem die Mutter meiner Mutter uns besuchte. Ich denke an ihren Blick, der auf den Kindern ruhte, ich denke an ihre so oft von ihrem eigenen Lachen begleiteten Worte, an die Unbefangenheit ihrer Umarmung. Ich denke an die Stille, die später an jenem Tag eingetreten sein wird, an meine Hand, die das schmale Handgelenk der Puppe umgreift, an all die Ungerechtigkeit des Erinnerns.

***

Ich hatte diesen Text soeben beendet, als wir – anlässlich des fünfzigsten Jahrestages des Erscheinens von Working Man’s Dead – mal wieder zusammen einige Stücke von den Grateful Dead hörten. Darunter auch Box of Rain, worin es heißt: Look into any eyes, you find by you / You can see clear to another day / Maybe been seen before / Through other eyes on other days while going home. Ich notierte sie rasch, sie schienen mir in diesem Moment ein Trost.




© Foto (Bearbeitung) und Text: übertage – texte aus dem off, Mai 2020

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