• Britta

Das Gedächtnis der Bilder

Teil I: Der Pfau, der das Rad schlägt


Ich denke wieder einmal darüber nach, die Geschichte meiner Familie zu schreiben, die Geschichte meiner Eltern, meiner Brüder, meine eigene inmitten der ihren, die Geschichte meiner Großeltern, oder: des wenigen, was ich über sie zu sagen weiß oder in Erfahrung bringen kann. Ich befürchte jedoch, schon nach kurzer Zeit geht mir buchstäblich die Luft aus, verheddere ich mich ziellos in halb vergessenen Bildern, stehe vor Mauern aus Schweigen und vagen Andeutungen, verliere mich in den Zeiten, verliere – vielleicht – am Ende mich.


Noch also halten mich Zweifel zurück, doch von Zeit zu Zeit öffne ich die Kiste mit den Fotografien meiner Familie, klappe voller – am Ende stets aufs neue enttäuschter – Erwartung den Deckel auf und greife hinein, streiche hin über die glatte Oberfläche farbiger Bilder, die stumpfere der schwarz-weißen und lasse sie von meinen Handinnenflächen gleiten. Ich sehe sie dort liegen, in Schichten, sie verdecken einander, fügen sich willkürlich zusammen. Ich habe Freude daran, wie im Innern dieser Kiste jede zeitliche Ordnung aufgehoben ist. Ich schichte sie neu, schiebe ganze Stapel beiseite, greife die am Boden der Kiste liegenden Bilder und hebe sie ans Licht.


Als ich sie heute öffnete, nach langer Zeit, fiel mein Blick auf einen kleinen Stapel Bilder, der oben auflag. Die Zeiten verwirren sich, in Momenten durchquere ich Jahrzehnte, Leben von Menschen, die einander lange verloren haben, berühren sich, Blicke treffen mich. Ich greife eine Fotografie heraus, sie ist aus dünnem Papier, sicherlich ohne Absicht unterbelichtet. Ich habe sie oft betrachtet, jetzt aber stelle ich fest, dass mir Details entgangen sind oder ich sie vergessen hatte.



Fast der gesamte Vordergrund des Bildes wird ausgefüllt von etwas, das sich auf den ersten Blick kaum erkennen lässt, es droht an den Rändern mit dem dunklen Grün des Rasens zu verschmelzen. Auf der linken Seite des Bildes sieht man meinen Bruder, er ist in den schwarzen Habit der Benediktinermönche gekleidet. Seine Hände greifen ineinander, ruhen ineinander, sie verschwinden fast ganz in den weiten Ärmeln. Im Moment der Aufnahme blickt er nicht in die Kamera, und obwohl der Körper dem Betrachter zugewandt ist, sieht man sein Gesicht im Profil. Während ich das Bild betrachte, erinnere ich mich an seine Art, Erstaunen zu zeigen, stelle mir vor, wie er die Augenbraue gehoben haben wird. Seine Körperhaltung ist aufrecht (niemand in meiner Familie geht so aufrecht), er muss sich unwillkürlich abgewandt haben. Er steht allein neben einem Pfau, der das Rad schlägt.


Ich weiß nicht mehr, wie das Foto entstanden ist, aber ich erinnere mich an den Tag, als wir meinen Bruder besuchten. Es gab nicht viele solcher Besuche in den drei Jahren, die er dort verbrachte. Wir warteten in einem Raum mit hohen weißen Wänden, sprachen leise, und dennoch hallten unsere zögerlich gesprochenen Worte nach, ließen jeden von uns allein mit sich. Durch das hohe Fenster, hinter dem man den Garten mehr erahnte als sah, fiel nur wenig Licht herein. Aus den Fenstern des fahrenden Autos sehe ich uns die Klosteranlage umkreisen, wir folgen der gewundenen Straße, die uns von hier fortführt. Mit unserer Entfernung vom Kloster und den umliegenden Parkanlagen beginne ich seine enormen Ausmaße zu verstehen. In dieser Nacht weinte ich. Meine Großmutter, die mit uns gefahren war, übernachtete bei uns. In dieser Nacht also schliefen wir wieder gemeinsam in einem Zimmer, sie und ich, wie wir es seit den Tagen meiner Kindheit nicht mehr getan hatten und wie wir es nie wieder tun würden.


In der Zeit, als mein Bruder noch bei uns lebte und das Zimmer bewohnte, das später meines wurde, hielt er dort einen Wellensittich in einem Käfig. Wenn er zuhause war, ließ er ihn frei im Zimmer umherfliegen. Ich erinnere mich an die scharfen Krallen, an den Geruch des Vogels, wenn er mir nahekam, sich auf meinen Kopf setzte und sich mit seinen Krallen in meinen Haaren verfing. Ich sehe meinen Bruder mit einem Buch auf dem Bett liegen, ich kam nur selten zu ihm ins Zimmer, auch wenn ich oft Lust dazu verspürte. Ich scheute den Geruch des Vogels mehr als seinen kleinen Körper, die Luft im Raum abgestanden, meist standen die Reste schneller Mahlzeiten auf dem Boden herum. Ich sehe uns nie zusammen essen, meinen Bruder, mich, meine Eltern. Jedenfalls nicht in dieser Zeit. Früher hatte es Tische gegeben, muss es sie gegeben haben, an denen wir alle Platz gefunden hatten. Es hatte Abende gegeben, an denen wir uns gegenübersaßen, mein Bruder und ich, mit vom Tag erhitzten Gesichtern.



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