• Britta

Weiß

Aktualisiert: Apr 29

Das Gedächtnis der Bilder, Teil II


Es ist merkwürdig, wie alte Fotografien das Gefühl vermitteln können, sie wüssten etwas über die Beziehung zwischen Menschen. Nicht nur über ihre Beziehung im Moment der Aufnahme, sondern etwas darüber, was diese Menschen im Innersten, unberührt vom Lauf der Dinge, miteinander verbindet – oder was sie im Innersten entzweit. Es gibt Fotografien, die offenbaren etwas zwischen Menschen, das im Augenblick erscheint; denen, die es zeigt, ist es selbst vielleicht kaum bewusst. Ja, vielleicht würden sie es selbst, falls sie das Bild betrachteten, nicht bemerken. Und wenn sie es täten? Ich stelle mir vor, dass es einen unbestimmten Schmerz auslöst, das Gefühl von Scham vielleicht oder das eines ungreifbaren Verlusts; es könnte verstummen lassen angesichts dessen, was sich wie aus dem Nichts offenbart. Es gibt diese ganz besonderen Fotografien, auf denen ich Menschen, die mir nahestehen, zu erkennen glaube, auf denen ich sie ohne Maske zu sehen glaube, ohne vorgehaltene Pose, ohne vor mir etwas im Verborgenen zu halten. Dieses Erkennen ist flüchtig, es rührt an eine Ahnung, an ein vages Gefühl. Diesen Fotografien haftet etwas an, durchdringt sie, das mehr ist und etwas anderes als Erinnerung; vielleicht ist es das Licht, aus dem die Erinnerung heraustritt und zu einem Bild wird. Es ist nicht ein Licht, das vergangen ist. Es ist ein Licht, das wir teilen.


Ich betrachte das Foto. Über den Winkel des Daches fällt das Licht auf sein Gesicht, die hohe Stirn, auf seinen Körper, seine Hand, die auf der Balustrade des Balkons ruht. Hinter ihm die Wand, als sei er nur eben über die Schwelle der Tür nach draußen getreten, unsicher, dann aber doch ganz dem Licht zugewandt. Ich sehe einen Ausschnitt des Himmels, er ist weiß, er lässt die Dinge zurücktreten in dieses Weiß. Sein Gesichtsausdruck zeigt Erstaunen, als ahne er etwas in der Ferne, als spüre er, dass etwas sich ihm nähert, von weit her. Etwas vielleicht, so denke ich, auf das er lange gewartet hat. Er scheint fremd dort zu sein und doch hierher zu gehören. Und wieder betrachte ich seine feinen Hände, auf die das Licht fällt. Auf die Schwelle, im Schatten meines Großvaters, legt sich ein dünner Streifen Licht. Die Brille, die er trägt, und die Uhr an seinem Handgelenk machen mir bewusst, dass er zum Zeitpunkt der Aufnahme noch nicht erblindet war. Die Tür zum Zimmer steht halb offen, in einiger Entfernung und auf dem Bild nur halb so groß wie ihr Vater, genau in dem schmalen Ausschnitt zwischen Türrahmen und Mauer, die Gestalt meiner Mutter im grünen Sommerkleid. Ich sehe sie lächeln, halb der Kamera zugewandt, halb dem Licht, das sich um ihre nackten Beine legt. Auf dem Boden zeichnen sich seltsame Umrisse ab, wohl die Schatten der Pflanzen auf der Fensterbank.


Es ist ein Licht am Himmel, das mich blendet. Ich schirme meine Augen dagegen, schaue auf das Blatt vor mir, aber ich sehe nur in immer größeren Kreisen fortlaufende und das Papier tränkende Flächen von Weiß. Scharf in diesem Moment die Konturen der Wolken, sie scheinen mir so nah, in diesem Licht, als sei es möglich, in ihnen zu verschwinden. Betrachte ich jetzt das Gesicht meines Großvaters, wie in sprachlosem Staunen, die Lippen ein dünner Strich, erkenne ich deutlich die Züge meiner Mutter. Es gab eine Zeit, da sah ich mich im Zimmer stehen, lächelnd und in einem grünen Sommerkleid.





***

Das Gedächtnis der Bilder, dessen zweiter Teil hier erscheint, ist eine Reihe, in der ich mich, vermittelt über fotografische Bilder und bruchstückhafte Erinnerungen, der Geschichte meiner Familie widme. Familie, wie ich sie erlebe, ist eine Geschichte des Verlusts. Als Verlust aber kann ich sie nicht stehenlassen, ich muss mich besinnen auf die tausend dünnen Fäden, über die ich mit ihr und der Welt verbunden bin. Fotografien lassen mich momentlang die Gegenwart von Menschen erfahren, die lange gegangen sind.

© Video & Text übertage – texte aus dem off, April 2020

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