• Britta

Das ruhige Leben

Ich träumte. In einem gläsernen Kasten, der in der Luft zu stehen scheint und der von Himmel und Wasser umspült wird, sitzen zwei Figuren nebeneinander auf einem Sofa. Der Himmel von hellem Grau und trübe, von überallher dringt das Licht, legt sich in jeden Winkel, legt sich auf die Gesichter, macht sie eben, als gingen Landschaften über sie hin. Der Grund unter ihnen ist Wasser, aber der gläserne Kasten bewegt sich nicht, oder ist wie in ruhigem Flug. Jemand könnte den Grund gemalt haben, unter der hellen Farbe ist vielleicht Schwarz, wie es Künstler tun, wenn sie den Himmel malen, bevor sie die helleren Farben auftragen. Die beiden Figuren, die vielleicht Menschen und keine Figuren in einem Theaterstück sind, sehen einander nicht an, sie sitzen ganz aufrecht, die Gesichter entspannt. Auf den ersten Blick scheinen sie zu warten. Ich beneide sie um ihren festen und leichten Grund, um die Ruhe, die sie gefunden haben. Die Frau streicht sich mit den Händen über ihre Oberschenkel als gäbe sie ein Zeichen des Aufbruchs. Aber sie bleibt sitzen, vollführt nur immerfort diese Bewegung, bis sie innehält. Ich betrachte sie, sie trägt das Haar streng zurückgebunden, es fällt mir schwer, ihr Alter zu schätzen. Auch die Konturen des Mannes erscheinen, er tritt vor mich hin, ich sehe den runden, schweren Mittelpunkt seines Körpers, doch ich sehe sein Gesicht nicht. Das Bild löst sich auf, ich erwache.


Ich träume von einem ruhigen Leben. Ich sehne mich fort. In einem Buch von Marguerite Duras heißt es: Es ist nichts zu machen gegen den Überdruß, ich bin unruhig, eines Tages aber werde ich nicht mehr unruhig sein. Bald. Wir kriegen es, das ruhige Leben. Der letzte Satz gefällt mir nicht, ich möchte ihn streichen, will ihn nie gelesen haben. Er klingt nach Bemächtigung, er klingt, als wollten wir (auch dieses wir stört mich) uns etwas nehmen, das man nicht nehmen kann, das mit der Zeit zu einem finden muss. Für das man bereit sein, für das man etwas anderes aufgeben muss. Viele Male muss man den Ozean überqueren, denke ich, bevor man es haben kann, das ruhige Leben. Es ist eine Aufgabe, ein Ziel, eine Wegmarke. Das ruhige Leben ist ein Leben nach den Kämpfen, den Zerwürfnissen. Was wir vor uns sehen, was hinter uns liegt, es lässt uns nicht erschrecken, es raubt nicht den Schlaf, gibt ruhige Träume, deren Farben im Licht des Tages verblassen.


Eines Tages aber werde ich nicht mehr unruhig sein. Ich werde nicht Ausschau halten, werde nicht den Raum vermessen und alles was darin ist; nicht den Weg überschlagen, den es uns kostet, an einen anderen Ort. Werde ihn nicht herbeiwünschen, den Aufbruch. Ich werde dort sein, werde spüren, wie das Gefühl des Schwindels nachlässt, wenn ich nur einen festen Punkt in der Ferne betrachte.



Als an diesem Tag die Unruhe am größten wurde, mich erschöpfte und sich schwer auf meine Augen legte, las ich ein Gedicht von Noëmi Lerch. Ich schlug nicht die Seite eines Buches auf, es hatte auf anderem Weg zu mir gefunden, mir war in meinem Schwindel, als hätte ich es aus der Luft gegriffen. In dem Gedicht, das keinen Titel trägt, spricht sie davon, dass sich der innere Pol im Idealfall in einem Gleichgewicht befindet zu den Teilen, die ihn umkreisen, ich stelle mir eine Art prästabilierte Ordnung vor. Doch aus welchem Grunde auch immer – vielleicht weil das Gleichgewicht keines ist oder andere Kräfte zu groß werden und die Teile vom inneren Pol fortziehen –, es kann passieren, schreibt sie, dass die äussere Welt grösser wird als die innere. Der innere Pol verliert dann all seine Kraft und wird kalt. Ich spürte, wie sich der Druck hinter meinen Augen löste, ich spürte die Gefahr, spürte die äußere Welt größer werden, sah wieder den bewegten Grund, sah etwas in ruhigem Flug darüberhingleiten.


***

Während ich das Traumbild betrachte, geht mir eine Zeile aus einem Lied von The National durch den Sinn: We're half awake in a fake empire. Es ist ein schönes Lied, es geht diesem Text voran.

34 Ansichten