• Britta

Die große Figur (Teil I)

Ich sah die Uhr erst in dem Moment dort liegen, als die junge Frau neben mir nach ihr griff. Ich sah ihre Hand, die sich langsam darunter schob, als wolle sie eine Erklärung geben. Es war eine Uhr mit einem ledernen Armband, in ihren Goldfarben hob sie sich deutlich vom dunklen Holzboden ab, sie sah neu aus, glänzend, unberührt. Ich empfand keine Verwunderung darüber, dass sie offenbar unbemerkt verlorengegangen war, fremd wie sie war, in dieser Welt. Die Frau, die sich nun bückte, musste mit mir aus der Bahn gestiegen sein, die noch leicht schwankte, die Türen hatten sich bereits wieder hinter uns geschlossen. Die Frau blieb zurück, hob die Uhr vom Boden auf, unsere Wege trennten sich. Ich erinnere mich genau, es war die Zeit im Jahr, in der man die Fliegen im Gegenlicht der schon tiefstehenden Sonne sieht, die Tage unentschieden zwischen überraschender Wärme und einer Kälte, gegen die man sich bereits wappnete. Je kürzer die Tage werden, so dachte ich damals, desto heller würde es in dem zum Hof gelegenen Zimmer sein, wenn der große Baum hinter dem Haus seine Blätter ganz verloren haben würde. Schon jetzt wehten einzelne Blätter von unten herauf, für Momente sah ich sie am Fenster entlanggleiten, als fielen sie nicht, sondern gehörten der Luft. Doch ich hatte mich geirrt, mit jedem Tag wurde das Licht im Zimmer fahler. Es waren die Tage eines Aufbruchs. Es waren noch keine Kisten gepackt und die Bilder hingen noch an den Wänden, und doch hatte der Aufbruch bereits begonnen. Ich wollte aufbrechen und doch schien es mir übereilt, ich war eben erst angekommen in dieser Stadt. Ich prägte mir Wegstrecken ein, las die Namen der Haltestellen und verfolgte auf dem Stadtplan den Streckenverlauf der Bahn, die über dem Fluss dahinratterte und von der aus man die Stadt wie seitenverkehrt durchquerte. Ich fuhr mit dem Gefühl, eingeweiht zu werden in das Leben der Stadt, an dem alle um mich wie selbstverständlich teilnahmen. Ich sah die wieder neu bewohnten alten Häuser und ehemaligen Fabrikgebäude, die brachliegenden Flächen, die sich zum Fluss hin erstreckten, die Parkplätze und die Gärten von Häusern, die im vergangenen Jahrhundert wohl einmal herrschaftlich angemutet hatten. Ich maß Abstände zum ersten Mal, schnitt Wege ab und fand noch immer hier und da offenes Gelände zwischen zwei Häusern. Stand mit einem Mal vor einem Abgrund und konnte meinen Blick lange nicht abwenden, schaute Straßenzügen nach, die das Tal hinab und wieder hinauf führen. Parkende Autos säumen die Ränder der engen Straßen. Man kann sich vorstellen, hier zu leben, wenn man an den Fassaden hochaufragender Häuser in den hellen Abendhimmel hinaufschaut, die Balkone sind nicht hergerichtet für ein Leben unter freiem Himmel, aber sicher sieht man von dort aus die Häuser am gegenüberliegenden Hang und das bei Nacht helle Band der Straßenlaternen, die sich in leichter Wölbung die Straße hinab- und wieder hinaufwinden.


Wieder fällt etwas auf den Boden. Ich ahme einen hohen Ton nach. Ich höre Musik, die Stimme einer Frau. Die Stimme nimmt eine Wendung ins Tiefere, ich gehe ihr nach, forme einzelne Worte, die ich verstehe, fülle die Zwischenräume mit einem anhaltenden Ton wie die Erinnerung an etwas, das ich nicht greifen kann. Wieder denke ich an die Worte meiner Mutter, die sie mir schrieb. Sie hatte dem Blatt, das ganz mit ihrer großen geschwungenen Handschrift bedeckt war, einen kleinen weißen Zettel beigelegt, auf dem sie mich bat, einer Freundin zu schreiben, mit der ich zusammen studiert hatte. Einige Zeilen nur, so lautet die Bitte meiner Mutter, und ich nehme eine Spur Unwillen in ihren Worten wahr. Neben dem bunten Aufkleber, der ein kleines gemaltes Tier zeigt, hatte sie mir auch ihre Adresse notiert, an die ich mich erinnerte, als ich sie las. Ich weiß, wo meine Freundin lebt, zu der ich lange schon keinen Kontakt mehr habe. Es ist eine Adresse, bei der ich an eine Reihe von Einfamilienhäusern in der Vorstadt denke, an Häuser, die in der Hälfte geteilt sind, beide Hälften haben unterschiedliche Farben. Ich denke an kleine runde Steine im Vorgarten, an kleine Gärten, durch die schmale gepflasterte Wege hindurchführen. An Terrassen, auf denen man den Sommer über sitzen kann und über die kleine farbige Sonnenmarkisen gespannt sind. Ich antworte meiner Mutter nicht auf ihre Briefe. Meistens sind es auf der Rückseite beschriebene Postkarten. Auf ihnen sehe ich, wie die Sonne aufgeht, wie sie untergeht. Jahr um Jahr, Woche um Woche beklagt sich meine Mutter über meinen Vater, der ihr das Leben schwer macht. Ich habe mich an ihren Unmut gewöhnt, an ihre unverrückbare Sicht auf die Dinge, ihren biegsamen und nie zu brechenden Widerstand.

Das Arbeitszimmer der Wohnung, die ich nun bewohne, ist immer hell. Auch in der Nacht. Dann scheint der Mond hinein, wirft den Schatten des Fensterkreuzes an die Wand. Auf dem Foto, das den Mond im linken oberen Fenster zeigt, sehe ich ihn in vielfacher Gestalt, er setzt sich fort in einer Reihe kleinerer Monde, die von ihm ausfließen, bis sie schließlich nur noch winzige leuchtende Punkte in der Nacht sind, nicht größer als das Licht der Straßenlaternen. Im Sommer fällt das Licht der Sonne durch die beiden Fenster des Zimmers, die Hitze steht darin, kein Luftzug geht hindurch. Einmal wache ich in der Nacht auf von einem plötzlichen Geruch, ein schwerer süßer Duft, der mich einhüllt und mir den Atem nimmt, es ist ein Moment des Schreckens. Ich denke an Kirschblüten, die es hier in der Stadt nicht gibt. Durch die dichtbelaubten Äste der Bäume vor meinem Fenster sehe ich den Lichtern der Autos nach, ich spüre es, wenn der Bus an unserem Haus vorüberfährt, das Beben verliert sich erst, wenn er bereits kaum noch zu sehen ist. In der Dämmerung sehe ich vom Küchenfenster aus im Hof eine Fledermaus fliegen. An langen Sommerabenden dringt Musik herauf; Gesprächsfetzen, Schreie vereinzelt, Laute und Lachen, das Geräusch von zerbrechendem Glas. Einmal erwache ich von einem Wirrwarr aus Sprachen, ich erinnere mich an die Stimme eines jungen Mannes, er spricht in einer Sprache, die nicht die seine ist, er setzt seine Worte wie Schritte in unwegbarem Gebiet. Seit vielen Jahren schon träume ich von Häusern, die ich allein bewohne, aber ich scheitere bei dem Versuch, sie zu durchdringen, sie verbergen ihre Geheimnisse vor mir. Ich stoße mich am Leben der anderen, die vor mir hier gelebt haben, ich sehe sie nie in meinen Träumen. Suche meinen Weg zwischen ihren Möbeln hindurch, fühle mich lebendig zwischen all den in Schachteln verstauten Dingen, die wie zufällig herumstehen. Ich träume von Fenstern, die sich zu anderen Räumen öffnen, von Wänden, die an zu niedrige Decken stoßen, vom Staub, der sich auf Büchern und Holz, auf den Polstern und Spiegeln abgelagert hat, endlich verliere ich die Orientierung. Erinnerungen streifen ihre Zeit ab, sie gehen unverändert hindurch, wie jener Mann, den ich einmal in der Bahn traf. Ein kräftiger Mann, dessen Alter ich nicht würde sagen können, ein alter Mann vielleicht, oder doch erst in der Mitte des Lebens, das blondgraue Haar kurz und an der Seite gescheitelt. Die Hosen aus schwarzem Cord, schwere Schuhe. Durch die Jacke zeichnete sich die Statur des Mannes ab, seine breiten Schultern, er saß aufrecht, in sich gekehrt zugleich, ich sah ihn von einer Theaterprobe kommen, stellte mir den Widerhall seiner Schritte vor in dem nach oben offenen Raum, in dem er am Ende allein war. Er sah auf, müde schien er mir, streifte die ein- und aussteigenden Fahrgäste mit dem Blick, nicht teilnahmslos, dachte ich, nur ohne sichtbare Regung, die Daumen seiner zwischen den Oberschenkeln liegenden Hände berührten einander. Kurz sah er auch mich an. Er saß noch, als ich bereits an der Tür stand, um auszusteigen, und so war ich überrascht, als ich ihn plötzlich vor mir in der Menschenmenge auftauchen sah. Ohne den Gedanken, ihm folgen zu wollen, bestieg ich hinter ihm die Treppe, ließ mich hinaufziehen vom Strom der Menschen. Es wäre so einfach, dachte ich, ich erklomm einige Stufen, bis mir klarwurde, dass ich diesen Weg noch nie genommen hatte, dass mein Weg unten an der Treppe vorbeiführte, wo ich auf die nächste Bahn warten würde. Er ist fort und ich versuche mich zu erinnern, doch das letzte Bild ist bereits überlagert von anderen Bildern, älteren. Von einem Foto, das Schleefs Gesicht zeigt, vor einem Hintergrund, der mir immer unerklärlich war. Er wirkt nachdenklich und verloren auf diesem Bild, ich vergrößere es, es ist auch etwas von einer ratlosen Neugier darin. Es gibt ein Selbstporträt von ihm, das ich nicht ansehen kann, ohne wiederum an jemand anderen zu denken. Das Gesicht schmal, hell und blau die Augen, wie Strudel klaren Wassers, eine Bewegung im Stillstand. Seine Züge verraten Konzentration, sind streng, unerbittlich, der Blick ist gerichtet auf das eine, das ihm und vielleicht nur ihm erscheint. Die Dunkelheit um ihn wie der schwarze Vorhang einer Bühne, er tritt aus ihr heraus, in einer Deutlichkeit, die mich irritiert.


Fortsetzung folgt


***

Copyright Fotografie & Text: übertage - texte aus dem off, Dezember 2020

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