• Britta

Die große Figur (Teil II)

Ich spreche von ihr und nenne sie meine Freundin, als sei das etwas, das immer wahr ist, vor der Begegnung mit ihr und danach, als sei es eine Verbindung unberührt von der Zeit. Ich erinnere mich, wie wir nebeneinander auf einem Sofa sitzen, auf weichen braunen Polstern. Sie sieht mich nicht an, sie spricht von ihrer Mutter, stellt sie zwischen uns. Verlieb dich bloß nicht in ihn, das habe ihre Mutter ihr geraten, als sie ihr von dem Brief erzählte, den er ihr aus Italien geschrieben hatte. Vor ein paar Tagen sei er eingetroffen. Er hat mir geschrieben, wie er dir geschrieben hat, sagt sie zu mir. Sie habe Herzklopfen gehabt, als sie den Brief öffnete, ihre Mutter habe sie gewarnt. Verlieb dich nicht in ihn, habe sie gesagt. Als habe man die Wahl. Sie aber scheint sie zu haben, meine Freundin. Sie erzählt mir davon, in knappen Sätzen, als habe sie eine Entscheidung getroffen, als überließe sie mich meinem Schicksal. Später, an einem Sommertag, sitzen wir nebeneinander in unserem Hotelzimmer auf dem Bett, ich spüre das Holz im Rücken. Er ist der Teufel, sagt sie zu mir, versteh mich nicht falsch. Durch das kleine Fenster fällt Sonnenlicht, der gelbe Vorhang bedeckt es zur Hälfte, das Licht durchdringt den Stoff. Der Himmel ist strahlend blau, in diesem Licht leuchten die Ziegeldächer der Häuser in einem kräftigen Orangerot. Wir waren enttäuscht, als wir die Zimmertür öffneten, wir hatten keinen Blick auf die See. Als könnten wir spüren, wie sie hinter uns brandete, in unseren Rücken. Lange Zeit später fand ich ein Foto, auf dem sie lachend bunte Schokoladentaler auf ihr Brot hinabfallen lässt. Sie sitzt an dem kleinen Tisch in unserem Zimmer. Sie hat so eine Art, nur halb in die Kamera zu schauen, den Blick zu senken oder ihn seitlich an der Kamera vorbei zu richten, damals erschien es mir als eine Mischung aus Koketterie und Verlegenheit. Ich finde einen ganzen Umschlag mit Bildern, ich blättere ungeduldig in Landschaften, die wir gemeinsam bereist haben; durcheinandergeraten die Jahre. Ich sehe uns in einer Hotelanlage in Griechenland, ich erinnere mich an unsere Enttäuschung beim Anblick des von der Sonne verbrannten Grases und der fahlen Felder. Im Licht eines späten Nachmittags stehen wir unter bedecktem Himmel auf dem Balkon und schauen hinunter in den weiten steinernen Hof. Jemand hat uns von unten fotografiert. Sie neigt den Kopf, ich stütze beide Arme auf das Geländer. Es überrascht mich nicht, dass sie auf allen Fotos lacht, während ich mich nur zur Andeutung eines Lächelns entschließen kann. Dafür schaue ich meist in die Kamera, widerwillig und mit einem Unbehagen, das ich nie verlieren werde. Gegen Abend, wenn es dämmerte, so erinnere ich mich, verlor ich Kraft, überkam mich der Wunsch, allein zu sein, in der Dunkelheit eines Zimmers, das wir nicht lange bewohnen würden. In der Dunkelheit einer Hotelanlage, in deren Innerem die Lichter erst früh erloschen.

Ich weiß nicht, ob ich ihr damals, in unserem Zimmer am Meer die ganze Geschichte erzählt habe. Oder ob sie sie jemals erfahren hat. Nicht einmal jetzt erscheint mir die Geschichte ganz, immer unklarer ist mir, was jetzt, nach all den Jahren, noch übrig ist von dem, was ich ihr damals hätte erzählen können. Was übrig ist von dem, was groß und nicht zu greifen war und sich mit der Zeit verfestigt hat zu einem diffusen Unbehagen. Dieses Unbehagen ließ mich vergessen, ließ mich nicht eigentlich vergessen, aber nahm mir die Erinnerung. Und doch ist jetzt die Zeit gekommen dorthin zurückzugehen. Die wenigen Bilder, die ohne Zusammenhang erscheinen, sind doppelt belichtet. Sie zeigen einzelne Momente, deren zeitliche Folge ich nicht bestimmen kann. Zugleich zeigen sie das Ende, eine im Grunde endlose Partie, einen mir unverständlichen und dennoch fraglosen Ausgang, eine Straße, die sich teilt. Ich hole eine alte Fotografie hervor, sie zeigt meinen Großvater als jungen Mann im Kreis anderer junger Männer. Am rechten Rand des Bildes fällt Licht ein, vielleicht versursacht durch eine durchlässige Stelle im Balgen der Kamera. Das Licht scheint ein Loch in das Bild zu brennen, von dort her beginnen sich die Konturen aufzulösen, die jungen Männer in ihrem Übermut sind sich der Gefahr nicht bewusst. Ich habe das Foto lange genug betrachtet, um das vom Licht Ausgelöschte als die eigentliche Mitte des Bildes zu begreifen, sie dehnt sich aus, je öfter ich es betrachte.


Ich bin überrascht, als ich im Stapel der Fotografien auf ein Bild jenes Zimmers stoße, das ich mir mit meiner Freundin teilte, für einige leichte Sommertage, deren Ende uns den Aufbruch zu einer größeren Reise versprach, noch im selben Sommer. Das Bild wurde vielleicht am Tag vor der Abreise aufgenommen. Der Raum erscheint mir kleiner als in meiner Erinnerung, Laken und Kissen sind zerwühlt, am Fußende des Bettes liegt ein Koffer, weißer Stoff ist darüber geworfen, in dem ich ihren Pullover zu erkennen glaube. Etwas spiegelt sich im Fensterglas, vielleicht ist es nur der Stoff des Vorhangs. Abendlicht, das ins Zimmer fällt. An der Wand über ihrer Seite des Bettes hängt ein Bild. Man sieht es auf dem Foto nur sehr klein, etwa in Briefmarkengröße, das Blau im Gefieder der Vögel, das Gelb der Pflanzen, die mich an Strohblumen hinter Kunststoff erinnern. Wie auf einer Skizze oder einer Studie sind zwei Vögel darauf abgebildet, der eine sitzt aufrecht auf einem dünnen Ast, der andere bildet mit seinem Körper eine Waagerechte. Ich weiß, dass du ihn liebst, sagte sie an einem dieser Tage zu mir, und ich wusste nichts zu entgegnen.



Fortsetzung folgt



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Copyright Text & Fotografie: übertage - texte aus dem off, Januar 2021

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