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  • AutorenbildBritta

Hunger


Heute Nacht träumte ich, S. habe mir einen Brief geschrieben. Sie saß gebeugt, den Rücken mir zugewandt, ihre Haltung verriet Konzentration. Der Raum, in dem wir uns wiederbegegnen, scheint unter der Erde zu sein, er ist erfüllt von trockener, grauer Luft. Fast kann ich die Last spüren, die sich auf das Mauerwerk herabsenkt. Grau die Wände, grau und unausweichlich das Licht, darin wie ein Ausschnitt des Himmels das helle Blau ihrer verschlissenen Jeansjacke. In gleichmäßigem Rhythmus spricht sie jedes Wort aus, das sie schreibt. Ich denke daran, wie ich einmal eine lange Allee entlangfuhr, ich öffne und schließe meine Augen, die Bilder der hohen Bäume zu beiden Seiten überlagern sich fortwährend. Zeile für Zeile füllt sie das weiße Papier, jeder Buchstabe tritt deutlich hervor, die Worte in gemessenem Abstand, Zeile um Zeile berichtet sie mir vom Tod ihrer Mutter. Dreimal wende ich das Blatt, sehe die helle Haut ihres Armes, ihre Hand, die im Schreiben innehält. Das Bild angehalten, der Ton läuft weiter, ihre Stimme wie von Band. Wie eine ferne Prozession ziehen ihre Worte an den Rändern meines Bewusstseins entlang, treiben mich immer weiter fort. Sie aber löst sich von allem, was sie bindet, macht sich selbst leicht und unerreichbar. Spürt auch, denke ich, diesen Hunger nicht mehr, der uns zueinander geführt hat, vor langer Zeit. Mitten im Gedränge der Menschen, in der Wärme, die uns umgibt, betrachte ich für einen Moment die helle Haut ihres Gesichts, an ihrer Wange sehr feine Härchen, durchscheinend wie werdendes Federkleid am Körper eines Neugeborenen. Wir bewegen uns gegen die Menge, wir bewegen uns leicht, treiben durch sie hindurch, wir greifen in die schwere, warme Luft, um uns nichts als leerer Raum. Das Bild ihrer leicht geöffneten Lippen, ihrer sich beim Sprechen rasch öffnenden und schließenden Augen. Wir eilen weiter, sehen uns an, was uns treibt, ist der Hunger. Doch wo wir auch ankommen, werden wir enttäuscht, immer ist jemand vor uns hier gewesen, hat uns nichts gelassen. Ich fasse ihren Arm und ziehe sie weiter, wir schlagen eine Schneise, hinter uns fällt blendendweiß das Licht eines neuen Tages.



***

Text und Fotografie: ÜBERTAGE (texte aus dem off), März 2023


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