• Britta

Im gläsernen Kasten

In der Nacht klingt das Rauschen des Meeres wie das Rauschen der Großstadt. Manchmal liegt über dem Rauschen, aus dem sich bisweilen der lange dumpfe Ton des auch bei Nacht nicht abreißenden Verkehrs herauswindet, ein feiner hoher Ton. Im Grunde weiß ich nicht, ob er in mir entsteht, nur in meinem Kopf ist, so dass nur ich ihn höre. Aber ich stelle mir so den Gesang des fließenden Stroms vor, der durch Leitungen getragen wird. Diesen Ton glaube ich sirrend im grellen elektrischen Licht der Straßenlaternen zu hören, das in diesem Teil der Stadt das frühere, gelblich-goldene, weichere Gaslicht ersetzt hat. Auch das Pochen in meinem Schädel kann ein Widerhall der Schritte und des Polterns sein, das durch Decke und Wände dringt, das sich auf die Dinge legt und die Heizkörper mit einem gläsernen Scheppern vibrieren lässt. Es verstummt nur in den Nächten und auch dann nur für wenige Stunden, es folgt mir auf Schritt und Tritt, wenn ich durch den langen schmalen und kaum erleuchteten Flur der Wohnung gehe, dort vorn ist es bereits, wenn ich näher herankomme. Verkehrtes Beben, ich fürchte es wie die Zukunft. Ich fürchte seinen Rhythmus, der mir unerklärlich bleibt, fürchte seine sich beständig erneuernde Kraft wie einen Zorn, der nicht erkaltet und der etwas zurückgibt, an das ich mich nicht erinnere.


In den frühen Morgenstunden, in einem Moment zwischen Schlaf und Erwachen, sehe ich ein von Licht durchdrungenes Bild. Es zeigt einen gläsernen Kasten, der in die Weite hineingebaut ist und in der Luft zu stehen scheint. In der Ferne sieht man das Meer. Die obere Hälfte des Bildes ein Gemisch aus Himmel und Wasser, kein Land. In der Mitte, etwas rechts von der Mitte sitzen zwei Menschen nebeneinander auf einem Sofa. Von hier aus wirkt es, als würden ihre Köpfe vom Wasser und vom Himmel umspült. Dennoch ruhen sie und sitzen ganz still. Auf der linken Seite des Vordergrundes sehe ich durch eine Reihe von Regalen hindurch, Dinge, die so klein sind, dass ich sie nicht erkennen kann, stehen darin wie zufällig herum. Das Licht, das von weit her zu uns dringt, strahlt durch sie hindurch, hebt sie auf. Ich denke an das Gesicht meiner Mutter, auf einem alten Foto, die Farben vage. Sie ist noch jung und greift mit der Hand durch die geöffnete Tür in das Innere eines Flugzeugs, sie lacht. Der Himmel um sie ist grau und offen. Ich habe dieses Gesicht durch eine Lupe betrachtet, habe es vergrößert und erneut fotografiert, das Bild hing lange an der Wand, ich sah meine Mutter mit diesem schieren, ganz fremden Lachen, das nicht mir galt und das ich dennoch erkannte. Vom Foto war nur dies übriggeblieben, bis auf ein wenig von dem grauen Himmel, der sich verändert hatte und sie nun, auf meinem Bild, wie eine Wolke umschließt.


Eine Frau tritt auf, das Haar liegt streng um ihren Kopf. Sie winkt ab, als wolle sie mich fernhalten. Sie sagt mir etwas mit ihrer Handbewegung. »Non, non«, es ist keine Frau, die eine der beiden auf dem Sofa sitzenden Gestalten. Ich muss irrtümlich angenommen haben, es handele sich um zwei Frauen. Doch nun formen sich vor mir die Umrisse eines Mannes. Er ist nicht mehr jung, nicht groß, er wirkt rund, sein Körpermittelpunkt ist wie eine Kugel geformt. Er muss sich aus seiner Position im Bild gelöst haben, denn er steht nun vor mir. Doch bald schon löst sich das Bild auf. Ich bleibe zurück mit dem Gedanken, etwas bewahren, es vor einer drohenden Gefahr schützen zu müssen. Das Bild des gläsernen Kastens, so hell und leicht, legt sich schwer auf meine Seele.


***


An diesem merkwürdig klaren Tag, der mir solches Kopfzerbrechen bereitete, erreichte mich ein Gedicht von Noëmi Lerch. Manchmal kommen die Worte, die du suchst, von weit her; und erst sind sie da wie ein Rauschen überm Meer. Doch darüber mehr im nächsten Beitrag.


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