• Britta

Technik der Betrachtung, Kälte

Aktualisiert: Okt 11

Im Gehen streiche ich mit dem Zeigefinger über die Rücken. Flüchtig mein Blick, kaum lese ich den Titel eines Buches, ich suche, fahre weiter, mit dem Finger halte ich längst nicht mehr Schritt. Ich suche nach einer Verbindung, ich halte mich an zur Disziplin, ich hätte gern etwas in Händen, das er gelesen hat, einige Zeilen angestrichen, vielleicht ein Gruß, der von einer Zukunft spricht, ich schweife ab, die nach langer Zeit gekommen ist, eine so plötzliche Ansprache, dass ich zusammenfahre. Natürlich gibt es so etwas nicht. Da sind keine Worte zum Aufschlagen, ich höre, aber die Geräusche sind in diesem Zimmer. Ich suche weiter, frage nach Bildern, die wir teilen, nach einem Wissen, das uns verbindet, rechne zurück mit Unbekannten. Mir fällt nicht ein, wo ich danach suchen soll. Ich übe mich in der Technik der Betrachtung. Ich stelle mir vor, wir sehen uns gemeinsam Bilder an. Gemeinsam gehen wir durch einen großen Raum, Bilder an den Wänden. Wir gehen an den Wänden entlang, betrachten eines nach dem anderen. Der Schritt gemessen, niemals eine Bildlänge. Seite an Seite, so gehen wir, manchmal ein Fingerzeig, auf eine Achse, einen Punkt in der Landschaft, eine Aussicht, auf die ich deute, in dem Wunsch, dass er sie sieht. Ein unausgefüllter Hintergrund lässt uns innehalten. Seite an Seite gehen wir, im Bild nehmen wir verschiedene Wege, meine Aussicht ist ihm verkehrt, meine Brücken, sagt er, tragen kaum. Ich gebe keine Erklärung, Licht fällt wie von oben, es ist ohne Richtung und macht keinen Unterschied zwischen uns. Ich denke an die Landschaftsbilder eines unbekannten Malers, Studien von Bildern eines berühmten Mannes. An ein unscheinbares Haus, die vordere Front eine helle Fläche inmitten des Bildes, es ist ohne Fenster, ein großer Kamin ragt in den Himmel. Ein Baum steht davor, er trägt weiße Blüten, er ist in Bewegung. Alles in diesem Bild scheint zu fließen, um das Haus herum führt in einer Wellenbewegung der Weg, er kreist es ein, fließt über etwas Grün und verschwindet zwischen anderen Bauwerken, die von Bäumen und Wolken verdeckt sind. Stille um uns, vereinzelte Schritte, dann bleibt jemand vor einem Bild stehen. Es sind Bäume im Regen, das herabfallende Wasser zieht einen grauen Schleier über alle Farben. In der Ferne rücken die Stämme dichter und dichter zusammen. Schritte, die sich entfernen hinter uns, das Bild zurücklassen, eine graue Wand, sie verhallen. Ich drehe mich um und folge seinem Blick, der eine Diagonale durch den Raum zieht. In Entfernung eines Bildes bleibt er stehen, ich sehe nicht mehr als einen roten Strich, eine zeigende Geste, ich stelle mir einen tragenden Balken vor. Eine Freundin erzählte mir einmal, in einer Zeit, als wir schon begonnen hatten, getrennte Wege zu gehen, der Mann, mit dem sie zusammen war, habe ihr einen Brief geschrieben. Darin habe er Schluss gemacht. Aus lauter Verzweiflung, so sagte sie, glaube ich, habe er ganz unten, unter das Geschriebene einen Strich gezogen. Ich denke darüber nach und frage mich, auf welcher Seite von diesem Strich er seinen Namen notiert hat, doch es gibt nur eine Möglichkeit. Eine Geste, voll Überfluss.

Ich messe die Breite des Bildes aus, würde ich mich dem Bild nähern, das er von Weitem betrachtet, kreuzte ich das Bild des Betrachtenden, ich bleibe stehen und wende mich um. Ich höre auf die Maschine, die die Atmosphäre im Raum feucht hält, ihre Striche in der Luft. Ich sehe ihn noch immer dort stehen, müde, denke ich, in fast gleicher Entfernung zu allen Bildern, in einer Entfernung von technischer Präzision. Nichts scheint ihm zu fehlen. Er streckt einen Arm aus und macht ein paar Schritte. Als würde er jemanden wiedererkennen, in einem übervollen Raum, langsam geht er auf ihn zu. Doch dann ist der Andere verschwunden und ich sehe sein Profil vor einem Bild im Hintergrund. Als hätte er vergessen, was er hier macht. Mir geht es genauso, denke ich schwerfällig, betrachte die Wand, um keine Farben mehr zu sehen, kann mich sehen, Teil einer geometrischen Figur. Die Wände in Licht getränkt, ich bin so müde, dass mich schwindelt, ich setze mich auf den Boden, er ist kalt, ich lege die Handfläche auf den Stein, das Gefühl tut mir gut. Ich wünsche mir, noch einmal den Weg um das Haus zu gehen, wie damals zum ersten Mal vor dem Bild, nun wird es kleiner, das Haus so klein, der Weg führt nicht weiter, nichts als der Rand einer Leinwand, das Aufhören eines Bildes. Hier können wir uns nicht treffen, können nicht eingehen in die Bilder wie in diesen Raum, wir müssen warten, bis wir sie irgendwo wiedererkennen. Und dann schnell hindurch. Wie der Weg sich windet, rief eine Erinnerung hervor, ich bin zu müde. Lassen Sie uns gehen, will ich ihm sagen, fort, aber er steht unschlüssig. Meine Hand am kalten Boden. Wir können durch unterschiedliche Türen, durch gegenüberliegende Räume einen Ausgang nehmen, jeder einen Ausgang für sich, die Bilder sehen wir dann nicht mehr, nur wenn wir zufällig zurückschauen, durch eine der Türen. Unzulässige Rahmen, die unsere Bilder verkleinern. Er wendet mir den Rücken zu, jetzt steht er vor dem Bild mit dem roten Balken, aber er stützt keine Wand ab, er trägt nicht, er ist ganz leicht. Kurz vor dem rechten Bildrand, rechts oben im Bild, hört die Farbgebung auf, wie auf ein Wort hin. Der Anblick macht mich mutlos, mehr noch seine Schultern, die ich von hinten sehe, still eingesunken (geht es mir durch den Kopf). Er atmet dünn. Verlängere ich die rote Linie, zielt sie in den Ausgang, durch den er gekommen ist. Er dreht sich um sich selbst, streckt wie unwillkürlich den Arm aus und macht ein paar Schritte. Der Andere ist verschwunden.

Epilog

Später sehe ich ihn, einen anderen, er dreht sich um sich selbst, gewinnt die Orientierung wieder, wendet sich einem Ausweg zu. Ich sehe ihm nach, wende den Kopf, sehe noch immer, wie er sich um sich selbst dreht. Er geht dem Ausgang zu, ich folge ihm mit einer Wendung des Kopfes, halte das Gleichgewicht, Punkt einer Linie.




Copyright Fotografie und Text: übertage - texte aus dem off, Oktober 2020

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