Wem oder: welchem Umstand ich es zu verdanken habe, dass mir, gerade als ich mit dem Studium begonnen hatte (also vor mehr als zwanzig Jahren!), ein Roman von Jürgen Becker in die Hände fiel, das weiß ich längst nicht mehr. Der fehlende Rest, erschienen 1997, handelt von einer langen Schneenacht, in der Jörn mit einem schattenhaften Gegenüber seine Erinnerungen teilt. „Vor den hellerleuchteten Fenstern des alten, abgelegenen Fachwerkhauses verschwindet langsam die Landschaft im Schnee“, so heißt es im Klappentext des Romans, den ich nun wieder einmal zur Hand nehme, „und Jörn kommt es plötzlich wie ein Wunder vor, daß kein Krieg ist und draußen der Streifendienst mit dem Ruf nach Verdunkelung auftaucht.“ Ich notiere diese Worte hier und habe wie schon so oft den Wunsch, wieder einzutauchen in diese Atmosphäre der Stille und der Konzentration, in der die Bilder der Vergangenheit aufsteigen und die Worte, die gesprochenen und gedachten, nachklingen.

 

Warum fange ich genau hier an, mit der Erinnerung an die lang zurückliegende Lektüre eines Buches, was hab ich verloren in jener Schneenacht? – Was mich an dem Roman (ich war jung!) so sehr fasziniert hat und noch immer fasziniert, sind nicht so sehr Jörns Erinnerungserzählungen, sondern die Situation des Erzählens selbst, in der er sich auf ein Gegenüber bezieht, das selbst schattenhaft bleibt und doch das Erinnern und Erzählen durch seine Fragen auslöst und in Gang hält. Dieser reale oder imaginäre Gesprächspartner lässt sich ganz ein auf Jörns Worte und Bilder, folgt ihm nach und teilt mit ihm die Stille, die von draußen hereindringt, die Stille zwischen den Geschichten, den Zeilen.

 

Oft ist es so, dass man sich in Zeiten des Umbruchs auf Altes besinnt, um damit Neues aufzubauen. – Und so kam ich auf die Idee zu diesem Blog. Ich habe bis vor einiger Zeit in einem literaturwissenschaftlichen Forschungsprojekt zur Geschichte der Ruhrgebietsliteratur gearbeitet. Ich habe aus der Literatur dieser Region viel gelernt auch über meine eigene Geschichte, die Geschichte meiner Familie, die auch die Geschichte einer Arbeiterfamilie ist, wie ich so viele in den vergangenen Jahren gelesen habe. Mit dem Ende des Projekts habe ich die Uni verlassen, bin nach Berlin gegangen und bin auch von dort wieder fortgegangen. Je öfter ich aufbreche, desto mehr wünsche mir, in Kontakt zu bleiben mit vielen der Menschen, die meinen Weg ein Stück begleitet haben, wünsche mir, wie Jörn (ein bisschen wie Jörn) meine Geschichten, Erlebnisse und Erinnerungen teilen zu können, auch mit Menschen, die ich vielleicht nie kennenlernen werde. texte aus dem off sind es also, weil sie in einer Zeit entstehen, die mit dem Gefühl verbunden ist, viel zurückgelassen, ohne eigentlich einen neuen Mittelpunkt gefunden zu haben.

 

Die Texte, die ich hier veröffentliche, fallen vielleicht aus der Zeit, ich weiß es nicht. Sie tun sich schwer damit, Aufmerksamkeit erregen zu wollen, drohen vielleicht allzu leicht unterzugehen in einer Welt voller Scheinwerfer, voller lautstarker Ankündigung, voller Selbstgewissheit. Umso mehr freue ich mich über Besuch, über Austausch noch mehr.

Britta