• Britta

Allerseelen

Aktualisiert: Nov 21

Das helle Licht im Zimmer des gegenüberliegenden Hauses erscheint mir plötzlich weit entfernt vom Lärm der Straße. Von dort dringen die Stimmen von Männern herauf, ich schrecke auf. Widerwillig höre ich ihnen nach, bis sie verklingen. Das Licht im Zimmer gegenüber ist undurchdringlich, es füllt den Raum mit Stille, von dort geht sie aus und schließt sich um mich. Jemand steht mit dem Rücken zum Fenster und beugt sich über das blassblaue Licht eines kleinen Bildschirms, seiner Gestalt nach ist es ein Mann. Das Licht legt sich gleichmäßig in den Raum. Es beleuchtet die hellen Flächen und fällt auf eine feste Ansammlung von Gegenständen, sie sind ohne Zusammenhang. Jedes Ding füllt einen Raum aus, jedes Ding nichts aus sich selbst, sein eigener konturloser Schatten, der Mann ist eine dunkle Gestalt im Fensterrahmen. In den beiden Fenstern direkt daneben fällt das Licht durch rote Vorhänge, hinter denen ich manchmal die Silhouette einer Frau erkennen kann, ihre Bewegung im Raum bleibt mir rätselhaft, sie scheint sich immer wieder von links nach rechts zu bewegen, sie verschwindet einfach aus dem Bild und geht erneut hindurch. Am rechten Rand bleibt ein Stück des Fensters vom Vorhang unverhüllt, dort erkenne ich ein kleines Bild, das an der Wand hängt, ein kleines Quadrat, es muss ungefähr auf Augenhöhe des Betrachters angebracht sein, warmes Licht liegt im Zimmer und auf dem Bild. Das Fenster links daneben wird ganz vom Vorhang verhüllt, aber durch die Falten dringt Licht, als sei es im Raum hell wie am Tage. Auf den Fotos erkenne ich nun, dass sich die dunkle Gestalt im hell erleuchteten Fenster zur Straße gewandt hat, er blickt offen. Hinter ihm eine Frau, vielleicht die Frau, deren Silhouette mir von Zeit zu Zeit erscheint, ich sehe ihre langen, fast bis zur Hüfte fallenden blonden Haare über einem roten Pullover. Ihr Haar so leuchtend hell, dass das Licht das Bild wie von innen heraus aufzulösen scheint, von ihr abgewandt die dunkle Gestalt des Mannes. Sie wendet sich um, das Gesicht nach oben gerichtet. So steht sie hinter dem Mann im Raum, er wirkt unberührt vom Licht, von dem sie ganz umfangen ist. Ich betrachte die Bilder erneut, und die Frau ist verschwunden. Der Mann wendet sich halb vom Fenster ab. Das Fenster direkt darüber strahlt hell, Dinge auf der Fensterbank, Dinge des täglichen Gebrauchs, weiter hinten im Raum eine kleine dunkle Figur, die die Arme zu beiden Seiten ausstreckt, von hier aus sieht sie aus wie ein Kreuz. Im Zimmer ist niemand. Es ist Zeit vergangen, noch eben war eine Frau dort, sie trug ein blaues Tuch eng um die Haare gebunden. Rasch ging sie von Raum zu Raum, geschäftig und als sei sie in Gedanken weit fort, immer hielt sie etwas in Händen. Das danebenliegende Fenster lässt einen Raum mit gedämpftem, warmem Licht erkennen, doch das Fenster wird halb verstellt von übereinandergestapelten Kartons. Sie lassen mich entfernt an eine Frau mit großem Hut denken, die ihr Gesicht voll Sorge nahe an das Glas der Scheibe schmiegt, um nach unten zu schauen. Das Haus erscheint mir in diesem Moment wie ein Puppenhaus mit überdimensional großen Figuren in kleinen Räumen. Von Kinderhand dorthinein gesetzt, in den alten Zeiten, verharren sie regungslos zwischen fingergroßen Möbelstücken, zwischen Wänden aus Holz.

Ich sinne all den verlassenen Orten nach, stelle mir ausgeräumte, ins Dunkel getauchte Wohnungen vor, spüre die Kälte, die von den Wänden perlt, vom Glas der Fensterscheiben, die Luft steht schwer, die Gerüche sind mit uns verschwunden. Ich sitze in einem anderen Raum, um mich entfaltet sich ein Klang, wie zum ersten Mal. Ich sehe hoch in die weite Kuppel, auf der Galerie gehen Menschen, der Klang ihrer Schritte setzt sich in rhythmischer Vielstimmigkeit fort. Ich sitze am Boden, der Klang und die Bilder und die Schritte gehen durch mich durch, ich fühle mich sicher im Schutz des dämmrigen Lichts, vielleicht ist das der Grund, warum es mich an keinem Ort hält. Nicht die Geschichten der Menschen halten mich, nicht die Fraglosigkeit der Begegnung, nicht das gemeinsame Messen der Zeit. Ich fühle mich selbst wie ein Ort, den sie passieren, ich lade sie ein, die Buchhändlerin mit der lauten Stimme, den Postboten mit der Ledermanschette, die um sein Handgelenk gelegt ist. Die Nachbarin im Haus, die ihre Hand die Treppenstufen herauf nach dem Hund ausstreckt, ohne ihn je zu berühren. Die junge Frau mit der rauen Stimme, die von all den Toten auf den Landstraßen spricht, die dorthin führen, wo sie einmal gelebt hat. Ich lasse ihre Stimmen durch mich hindurchziehen, lasse ihren Blick auf mir ruhen.




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Copyright Fotografie und Text: übertage - texte aus dem off, November 2020

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