• Britta

Bleistift auf Papier

Aktualisiert: März 7

Wo war ich stehengeblieben? – Ja richtig, bei der Frage, was mit dem alten Leben passiert, wenn es einmal abgelebt, abgelegt und zu nichts mehr nutze ist, wenn es, anders als in alter Zeit, zur Frage, ja mehr noch: zu einem stillen Selbstvorwurf wird. Fragen sind wie Staub, sind sie einmal aufgewirbelt und schwirren umher, braucht es Zeit, bis sich Aufruhr im Inneren wieder legt. Solange aber begegnet man ihnen auf Schritt und Tritt.


Ich suche nach dem Grund dieser Frage, nach dem Grund dafür, warum mir mit einem Mal das alte Leben zur Last wird. Ist es die Unsicherheit, die schwindende Hoffnung im Blick auf das, was kommt? (Aber mit dieser Unsicherheit leben wir doch in jedem Augenblick.) Oder rührt sie im Grunde von ihrem Gegenteil her und ist sie der nur in hellen Farben gemalten Vergangenheit geschuldet, die sich schattenhaft über alles legt, was ist und sein kann? Ist sie im Grunde dem Versuch geschuldet, die Zeit stillstehen zu lassen, nur um selbst nicht weitergehen zu müssen? Vielleicht – und es ist die Lektüre des Romans Was das Leben kostet der britischen Autorin Deborah Levy, die mich auf diesen Gedanken bringt – ist es die im Grunde unlösbare Aufgabe, eine Idee, eine Idee von der Zukunft, Wirklichkeit werden zu lassen, das eigene Leben nach dieser Vorstellung zu gestalten.


Die Erzählerin im Roman beschreibt zwei Fotografien, beide zeigen Künstlerinnen bei der Arbeit. Das eine zeigt die britische Bildhauerin Barbara Hepworth, die sich, ein Schnitzmesser in der Hand, über die riesige Holzkugel beugt, an der sie arbeitet. Die Plastik, so sagte sie, ist die dreidimensionale Umsetzung einer Idee. Diese Idee, die Gestalt annimmt, ist nicht bloß subjektive Idee, nicht das Ausgedachte, das Form gewinnt; vom Standpunkt materialistischer


Kunsttheorie aus betrachtet, muss die sich im Material realisierende Form der Möglichkeit nach bereits in ihm anwesend sein. Der in diesem Sinne ästhetische Gegenstand mit seinen physischen Gesetzmäßigkeiten nimmt den künstlerischen Zweck gewissermaßen in sich auf: Künstler, Gegenstand sowie der gesamte Schaffensprozess mit seinem Worum-Willen sind gleichermaßen Momente der Idee, die sich realisiert. Das andere Foto zeigt die neunzigjährige Bildhauerin Louise Bourgeois, die sich, ein eisernes Bildhauerwerkzeug in der Hand, über die taillenhohe weiße Kugel beugt, an der sie arbeitet. Bourgeois, so berichtet Levy, habe in der Tapisserie-Werkstatt ihrer Eltern nähen gelernt, die Nadel war für sie ein Objekt der psychologischen Reparatur – was sie reparieren wolle, sagte sie, das sei die Vergangenheit. Ist, so gesehen, die Zeit, diese Wochen und Monate, die ich als Stillstand erlebe, im Grunde der Versuch einer Revision, einer großen Reparatur der Vergangenheit? Ich erinnere mich, dass wir uns damals – ich weiß nicht, in welcher Zeit, es scheint unendlich weit zurück –, einen Spaß daraus machten, an unsere Bürotür eine Postkarte zu heften, auf der unter einem Bild, das eine verschlossene Ladentür zeigte, die Worte standen: Reparatur aller Systeme.


Die besondere Qualität der Konzentration, so fährt Levy fort, mit der die Künstlerinnen ruhig die Form umsetzten, verlieh ihnen in meinen Augen eine grenzenlose Schönheit. Ich halte inne, ein Bild vor Augen, das ich oft betrachtet habe, meist gedankenverloren, wie man aus dem Fenster sieht. Es zeigt eine Musikerin in einem Moment ebensolcher Konzentration; sie schließt die Augen, die Ruhe, die von der Gestalt ausgeht, wird eins mit der Dynamik, dem musikalischen Ausdruck, einer Bewegung, die noch in dieser Aufhebung aller Zeit Bewegung ist. Die linke Hälfte des Bildes ist weiß, bis auf den diagonal hindurchgehenden Bogen der Geige. Die Präsenz der Musikerin im Raum, gleich welchem, erinnerte mich oft an die Bildhauerei. Es ist nicht Stein oder Holz, das sie nach einer Idee formt, aus dem sie eine Form herausschält, sondern der Raum selbst, der sich verwandelt durch den Klang – der ja nichts ist als geformter Ton –, sich um ihn konzentriert oder sich von ihm ausgehend dehnt. Einmal trat sie gemeinsam mit einer Tänzerin und einem Kontrabassisten auf. Zwischen ihr und der Tänzerin entwickelt sich ein Spiel, auf der Geige spielend beginnt sie, die Tänzerin durch den hellen großen Raum zu jagen, scheucht sie fort aus den Augen des Publikums, scheucht sie in einem großen Bogen wieder dorthin zurück. Ich sehe die Tänzerin ihre Arme werfen, sehe die Musikerin Schritt halten, höre ihr Spiel lauter werden. Nach und nach lösen sich die Linien vor meinen Augen auf, mit denen sie den Raum durchzog wie der Bogen das Weiß des Bildes.


In der ungewissen Zeit, in der ich mich befand, war das Schreiben eine der wenigen Tätigkeiten, bei denen ich mit der Angst vor der Ungewissheit, der Angst vor der völlig offenen Zukunft fertigwurde. Ideen müssen nur auf dem Papier Gestalt annehmen, Punkte verbinden sich zu Linien, Linien durchqueren Räume, die es nicht gibt, nicht geben muss. Ich zeichne auf ein weißes Blatt.



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Die Zitate im Text stammen aus Deborah Levys Roman Was das Leben kostet, der 2018 in der Übersetzung von Barbara Schaden bei Hoffmann und Campe erschienen ist. (Er kann ein Gefährte sein dem, der einen braucht.) Das Foto zeigt einen von mir bearbeiteten Ausschnitt aus einem Foto (ja, tatsächlich!) von Mariusz Prusaczyk auf pixabay, es zeigt seiner Beschreibung nach eine durch den Mineral-Abbau im Süden Polens zerstörte Landschaft.




© übertage – texte aus dem off 2020

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