• Britta

Gleiten

Es scheint eine Fähigkeit zu sein, die ich erst wieder lernen muss. Ich bin aufgewacht, es ist heller Tag, durch das Grau bricht stellenweise die Sonne hervor. Wo sie hindurchscheint, sind die Konturen der Wolken flirrend scharf, das Grau geht über ins Schwarz. Ich halte den Blick gerichtet, sehe einen Ausschnitt, das Dach, das am unteren Rand meines Bildes verläuft, auf der linken Seite den Erker des Hauses, die Ziegel des Daches, den freien Raum, der sich in dieser Höhe um das Haus legt. Ich sehe die Gitter am unteren Rand des Daches, die den Schnee auffangen sollen. In Entfernung sehe ich einen Teil der Fußgängerbrücke, die über den Fluss führt, die Bushaltestelle auf der anderen Seite des Flusses, den Wald, der sich dort drüben das Tal hinauf erstreckt. Eine Erinnerung, ein vages Bild von einem schneebedeckten Dach, es ist früher Morgen, oder es ist eine Zeit, die niemand sonst erlebt, die weiße Fläche unberührt. Ich stehe auf und trete ans Fenster der Galerie, die Scheiben sind kalt, der Schnee liegt hoch, wölbt sich über ein hölzernes Fass, in dem im Sommer Blumen wachsen, es steht neben der Eingangstür. Ich habe die Blumen selbst nie gesehen, nur auf einem Foto, das an einer Wand unten im Gastraum hängt. Gedanken an den Aufbruch zu einer Wanderung, zur Heimreise. Wir sind nicht allein, wir heben die Beine an und versinken wieder im tiefen Schnee, die Hosenbeine schwer von der durchdringenden Nässe. Ich atme tief ein, spüre die Kälte nicht mehr, hole mit den Armen weit aus, ich gehe ihnen voran, spüre ihre Gegenwart, höre ihre schwachen Stimmen, die hinaufsteigen in die Luft und die einsinken in den Schnee, höre ihr Gespräch, das immer wieder abbricht. Der Name Nowak. Später rote und von der Wärme des Gastraums erhitzte Gesichter. Ich bewahre ein Foto, das ich diesem Ort zuordne, ich habe glühende Wangen und schaue in die Kamera, während ich neben einem Schäferhund kniee und ihn streichle. An der Wand ein langer Tisch, alle sitzen dicht beieinander. Meine Mutter schaut von dort zu mir herüber. Ihre Haare sind noch nicht gefärbt, sie sind grau und sie trägt eine Dauerwelle.


Es scheint eine Fähigkeit zu sein, das Gleiten, die ich erst wieder lernen muss. Richte ich den Blick auf den Ausschnitt des Daches, das ich von hier aus sehen kann, steigen Bilder anderer Orte auf. Genauer: die Erinnerung an das Aufsteigen von Bildern. Ich liege still, fühle Weiches um mich oder Hartes, denke an nichts als an das Bild, das sich mir zeigt im Moment. Auf der Oberfläche gleite ich hinüber zu Bildern, die ich selbst hervorbringe, lasse mich von Lichtreflexen tragen, die Augen halb geschlossen fülle ich die Dinge mit anderen Dingen, das Licht mit dem Licht vergangener Tage, finde mich wieder an anderen Orten, das Reisen kostet mich keine Mühe. Ich finde mich wieder dort, wo ich einmal lebte, fühle die verlassenen Räume als etwas, das mich nicht verlässt. Es ist die Zeit des Aufwachens.


Es ist die unbestimmte Zeit der Stunden des Nachmittags, ich stehe am Fenster und verliere mich in Betrachtung der Zweige der Fichte im Garten des Nachbargrundstücks. In der Nacht wandern sie die Wände entlang und greifen an die Decke des Zimmers, in der Mondhelle suche ich ihre Gestalt, weiß sie dort draußen in der Kälte der Nacht, halte mich hier drinnen fest an ihnen. In den dunklen Stunden des Morgens erwache ich, ich will neben mich greifen, ich will wachen, aber im selben Moment schlafe ich wieder ein. Es ist die Zeit von etwas, das vergangen ist. Ich liege mit dem Rücken zum Fenster, auf ein paar Decken neben der Matratze, ich habe sie ihm für die Nacht überlassen, ich betrachte ihn im Schlaf. Im Traum wohl greift er einmal nach mir. Vielleicht ist es auch nur eine unwillkürliche Bewegung seines Arms, er streckt sich aus, ich sehe seinen Arm auf der mit hellem Stoff bezogenen Matratze liegen, die Haut blass im Licht des Mondes, die mir am Tag für diese Jahreszeit ungewöhnlich gebräunt erschien, sein Kopf abgewandt. Am Morgen bin ich sicher, er meinte mich nicht. Es ist heller Tag, wir sind zurückgekehrt von einem Spaziergang durch den Park, wir füllen die leeren Stunden vor seinem Aufbruch. Ich verliere die Orientierung, der Moment dehnt sich vor mir wie eine weite leere Fläche und doch fühle ich die Stunden fliehen, ich bin müde, versuche mir die Unruhe vor seiner Ankunft in Erinnerung zu rufen, den leichten Schmerz im Rücken. Ich sitze auf der Matratze, habe das Gefühl, sie gehört nicht mehr mir, streiche mit der Hand über die Falten im Stoff, mit meinem Blick weiche ich der Fichte vor dem Fenster aus. Er geht nah an der Wand entlang im Zimmer auf und ab, als stünde eine Frage im Raum.


Es ist die Zeit eines Traums, es war mir eine Frau im Traum erschienen. Sie hatte lange braune Haare, sie stand nur stumm vor meiner Tür, als könne sie hindurchschauen. Ich hatte mich lange nicht entschließen können, stand im kleinen Flur, alle Zimmer gingen davon ab, der Wind zog hindurch. Dann aber öffnete ich ihr mit einem Gefühl von Angst. Es ist die Zeit eines Traums, ich erwachte, im Traum erwachte ich, und an einem Haken, der in das Dach meines Balkons eingelassen war, hatte sich ein Mann erhängt. Wieder hatte ich Angst, zog dennoch die Jalousien hoch und sah ihn dort, wie schwerelos, ohne eine Bewegung, ich sehe seine grauen Kleider, er wirkt klein in ihnen. Ich versuche mich auf die schwarzen Jalousien zu konzentrieren, will das Bild des Mannes ausblenden, will es zwischen den Lamellen in Stücke schneiden, aber es verkleinert sich und dringt durch die Ritzen, das Grau seiner Kleider kaum mehr sichtbar vor dem Grau des Himmels.



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Copyright: Fotografie und Text: übertage - texte aus dem off, März 2021

Gleiten ist ein Teil aus meinem Roman-Projekt.


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