• Britta

Ich gehe durch das Haus

Ich gehe durch das Haus, ich gehe durch Räume, die ich nicht verstehe, gehe hindurch wie zum letzten Mal. Es sind immer wieder andere, ich notiere im Geiste einen Ausblick, eine gläserne Vase, einen Erker, eine Öffnung im Zimmer, eine blaue Tür, eine Wanduhr ohne Pendel, ich gehe weiter und versuche mich zu erinnern an Gegenstände und Möbel, die gedrängt stehen, einander ganz sinnlos wiederholen. Oft tauchen sie, zufällige Konstellationen, unvermittelt so nah vor mir auf, dass sich die Formen verzerren. Ich verliere die Orientierung, ducke mich unter einem Balken, stoße an etwas, das mitten im Zimmer steht. Vergebens, einen Weg mir zu merken, denselben Weg durch alle die Räume zurückzugehen. Die Schatten der Gegenstände decken einander zu. Die Schatten des Geländers einer Treppe verlaufen quer zu den Balken im Mauerwerk. Ich freue mich, hier zu leben, von nun an, wo alles mir bewohnt erscheint. Ich freue mich, hier Besuch zu empfangen, ich weiß, der Gast steht schon vorn im Haus, lächelnd sagt er etwas, sieht sich um, während ich hier umhergehe. Ich schaue und bin Zeuge eines Lebens in diesen Wänden, eines Lebens, das ein Mensch zurückgelassen hat darin, guten Mutes hat er es einem anderen überlassen. Ich öffne eine Schachtel, es sind lauter kleine Flugzeuge darin, manche winzig, er hat sie vielleicht selbst gebaut, ich sehe, wo die einzelnen Teile zusammengeklebt sind. Ich betrete die Küche, in einer Nische ein Fenster zum Raum gegenüber, daneben eine halboffene Tür, deren Klinke nach unten zeigt. Durch die offene Tür sehe ich eine Wand, an der dicht gedrängt gerahmte Fotografien hängen. Hinter der Wand ist ein dunkler Raum. Einen Mann erkenne ich wieder, auf all diesen Bildern. Manche zeigen ihn in Gesellschaft, im Augenblick eines vertrauten Gesprächs, zwei Gesichter im Halbprofil, Dunst wie vom Rauch einer Zigarette. Der Andere beugt sich mit leicht gespitztem Mund ihm entgegen, eine unbestimmbare Geste, während er dem Anderen zuhört, auf seine Stirn fällt Licht, Gesicht und Hand deuten in verschiedene Richtung. Er steht mit hochgekrempelten Hosenbeinen in einem Fluss, der Oberkörper leicht vorgebeugt, der Körper unsicher als stünde er auf unebenem Grund. Der Andere, das Hemd sommerlich offen, macht einen Schritt. Er trägt eine Sonnenbrille und lacht, hält mit den Armen das Gleichgewicht. Hinter ihnen hebt sich hell das Ufer ab, dahinter das Dunkel dichter Bäume. Ein weißer Tisch, um diesen herum eine Gruppe von Menschen, sie halten ihre Gläser in Richtung der Kamera. Auf dem Glas der Rahmen einiger Bilder spiegelt sich das Licht.


Ich gehe durch das Haus, Licht fällt herab, ich weiß nicht woher, ich nehme ein Stück flaches Holz in die Hand, auf dem sich Staub abgelagert hat, er ist eingedrungen in das Holz, ich versuche ihn abzuwaschen. Ich stelle mir mein Leben vor, zwischen diesen Dingen, an die ich mich zu erinnern versuche. Mit nassen Fingern gehe ich weiter, gehe durch eine offene Tür und blicke in ein Zimmer, das mir dunkler und enger erscheint als alle, durch die ich gekommen bin. Mein Blick fällt auf Bücher, ich sehe immer mehr, mein Herz schlägt, ich sehe mich um, sie füllen den Raum. Sie stehen dicht gedrängt, auf Regalen, die bis zur niedrigen Decke reichen. Auch auf den Büchern liegt Staub. Ich freue mich, dass er auch die Bücher zurückgelassen hat. Zurückgelassen wie Körperhüllen, denen er entsteigt, gedankenverloren. Vielleicht, denke ich, erinnert er sich nicht mehr an die Bücher, die dicht gedrängt und in stiller Unordnung in diesem kleinen dunklen Zimmer stehen. Ich will keines der Bücher aus dem Regal nehmen, sie erscheinen mir nicht von Dauer und doch wie fest mit dem Boden verwurzelt. Wie sie sich ausrichten, ruft eine Erinnerung hervor an die Blicke der Menschen auf einer der alten Fotografien, die ich bewahre. Die Menschen auf dem Foto erwarten ein Ereignis, die Hände im Schoß. Sie tragen Armbanduhren, doch die Erwartung macht ihre Gesichter sanft, ein Sommerabend. Das Bild zeigt sie im Profil. Die Kamera holt sie nahe heran, sie sind ihrer nicht gewahr. Auf dem Bild sehe ich jemanden, den ich von anderen Bildern her wiedererkenne. Er lächelt, ich staune, dasselbe Lächeln auf allen Bildern. Ich bin Zeuge einer Sanftmut, einer guten Erwartung, die er teilt. Die Menschen auf dem Bild sind Zuschauer, sie finden Abstand zueinander, miteinander verbunden durch die Ausrichtung ihrer Körper, ihrer Blicke. Sie sehen einander nicht, im Schatten großer Bäume haben sie ihren Platz gefunden. Hinter ihnen, unbemerkt, treten weitere Zuschauer durch die schmale Pforte. Dort suche ich meinen Ausgang, werde nicht bemerkt, gehe zurück, gehe vorbei an Gesichtern, die nach vorn schauen.




Copyright Fotografie & Text: übertage - texte aus dem off (September 2020)

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