Leichte Worte


Es treibt mich fort, treibt mich bis hierhin, immer hindurch, an diesen Ort, an dem sich der Abglanz des Lichts auf das dunkle Holz legt. Die Oberflächen spiegeln, Konturen werden zu gleitenden Flächen. Auch dies nur eine Zwischenstation, ein Aufenthalt, an dem die Erinnerungen emporsteigen. Ich stehe wieder dort, von meinem Platz hinter dem Tresen beobachte ich die Paare, die sich finden und zerstreuen, lasse den Blick ruhen auf einem jungen Mann, der im Tanz einen Arm gerade nach oben streckt und seinen Körper wie an einem Lot daran auszurichten scheint. Ich glaube ihn hier noch nie gesehen zu haben, so fremd und betörend erscheint er mir. Für einen Moment lasse ich mich ablösen, mische mich unter sie, gehe leicht, wie mir überhaupt leicht ist, durch den Raum, der erfüllt ist von Dunst und Dunkelheit. Ich sehe die Glut von Zigaretten, zitternde Lichtpunkte, stehe in einer Umarmung bei S., die mit einer Freundin hier ist. Vom Flur des Kellers fällt Licht herein, Licht spiegelt sich in den Gläsern, die ich ins Wasser gleiten lasse und zum Trocknen auf dem Gitter abstelle. Ich verliere mich in der Betrachtung der Tropfen, die an ihnen hinabfließen. Der dumpfe Widerhall in diesen Mauern, meine Bewegungen wie abgetrennt, die Farben wechseln in rhythmischen Abständen. Ich spüre die Wärme im Raum. Langsam mein Atem und tief, als ruhte ich in weiter Ferne. Nicht weit von mir wiegt sich Charly in einer Umarmung mit ihrem Freund. Beide tragen Hemden, die sie bis zum Ellbogen hochgekrempelt haben. Charly an einem warmen Sommertag, im Hof vor der Bibliothek, wie sie meinem Blick ausweicht. Wie sie lacht und sagt, sie fände Trost, sie könne warten, sie schalte den Fernseher ein und spüre die Zeit vergehen. Charlys tiefe Stimme, an der ich sie wiedererkannte nach all den Jahren. Charlys von der Sonne gebräunte Haut. Wenn ich an sie denke, sehe ich sie in einer italienischen Küstenstadt aus einem Bus steigen. Sie ist allein, sie entfernt sich, das Bild wird weiter mit jedem Schritt. Mir ist, als würden leichte Worte gesprochen.




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Copyright Fotografie & Text: übertage - texte aus dem off (April 2022)

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